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10.02.2015 STORY: Herr Schmith ist einsam

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Die Sonne weckte und kitzelte Laura in der Nase. Gähnend streckte und reckte sie sich, warf die Bettdecke zurück und ging schnell zum Fenster: Es war ein wunderschöner, klarer, aber eiskalter Wintermorgen mit blauem Himmel und kaum einer Wolke, der Schnee glitzerte wie unendlich viele Glitzersteine. Das warme Sonnenlicht schien freundlich und einladend und Lauras Herz machte einen Sprung: 'Genau richtig, um einen Schneemann zu bauen!' dachte sie und zog sich geschwind an. Nach dem Frühstück werde ich in den Garten gehen und den allertollsten Schneemann bauen, dachte sie und lief die Treppen herunter. Am Frühstückstisch ging es wie immer sehr laut zu, denn es war der einzige Tag in der Woche, in der die ganze Familie am großen Esstisch zusammensaß und miteinander frühstückte.

Mama hatte den Tisch fröhlich bunt gedeckt und es duftete herrlich nach frischen Semmeln, darauf freute sie sich jede Woche am meisten. Aber heute beeilte Laura sich mit dem Essen, denn sie hatte ja noch viel vor. Sie trank rasch ihren Kakao aus und schwuppdiwupp! – schon war sie aus der Tür. "Wo willst Du denn hin?" wollte Papa wissen und guckte überrascht Mama an. "Ich will den schönsten Schneemann bauen, den ihr je gesehen habt!" rief Laura noch am letzten Bissen kauend, und war schon halb in ihre Stiefel geschlüpft. "Hm, dann brauchst Du natürlich auch noch Anziehsachen für Deinen Schneemann," sagte Mama und stand auf. "Warte, gib mir einen Moment Zeit, ich glaube, wir haben im Keller noch die vom letzten Schneemann." Kaum war Laura fertig angezogen, kam Mama schon wieder herauf und gab Laura alles, was sie vom letzten Winter aufgehoben hatte! "Danke Mama!" sagte Laura und hüpfte fröhlich in den Garten.

Gestern hatte es den ganzen Tag geschneit, so dass Laura jetzt knietief darin versank. Der Schnee knirschte herrlich und Lauras Atem bildete kleine weiße Wölkchen. Zuerst machte sie einen Schneeball, ganz rund und fest, so wie Papa es ihr erklärt hat. Dann rollte sie ihn auf dem Boden herum, damit immer mehr Schnee daran kleben blieb. Als Laura mit der Größe zufrieden war – er hatte nun die Größe wie ein Sitzball, klopfte sie den Schnee ringsherum fest und schob ihn in die Mitte der Stelle, die sie zum Rollen genutzt hatte und die nun ganz flach war. Oh, ganz schön schwer sagte sie und strengte sich mächtig an. Jetzt den Bauch, sagte sie laut und bald war auch dieser dick und rund. Sie hob ihn hoch und setzte ihn vorsichtig auf die große Schneekugel, genau in die Mitte, damit sie nicht versehentlich wieder hinunterrollte. Noch ein bisschen Schnee an die Stelle, an der die Bälle aufeinander lagen – jetzt sah es schon fast wie ein richtiger Schneemann aus, freute Laura sich und machte sich an den Kopf. Als die Kugel fußballgroß gerollt war, hob sie sie auf den nun fast fertigen Schneemann. Aus Mamas Kiste suchte sie die schwarzen Knöpfe für die Augen heraus und drückte sie fest. Der Tannenzapfen für die Nase war auch schnell in den Schnee gesteckt. Sie schlang den langen, alten, löchrigen Schal zweimal um seinen Hals und machte eine Schlaufe, damit er nicht verrutschen konnte.

Plötzlich war Laura, als ob sie ein Murmeln hörte. Sie spitzte die Ohren, aber da war nichts, so sehr sie sich auch anstrengte. Ich träume, das war bestimmt der Wind, dachte sie und schüttelte den Kopf. Da ist doch vom letzten Herbst noch ein Reisighaufen hinten in der Ecke im Garten, überlegte sie laut - sie hatten das Reisig extra als Winterschlafplatz für die Igel liegen lassen, damit diese in Ruhe und warm eingekuschelt den Winter verschlafen konnten. Sie lief in die Ecke und nahm ganz vorsichtig zwei Äste von oben heraus und schüttelte den Schnee ab. Sie steckte sie dem Schneemann seitlich in seinen dicken Bauch und setzte ihm zum Schluss den schwarzen alten Hut auf den Kopf. "Fertig!" rief sie und klatschte begeistert in die Hände – "Ich werde Sie Herr Schmith nennen, Herr Schmith mit TH – ja genau, das passt zu Ihnen – wie Herr Schmitt vom Bäckerladen, der hat im Winter auch immer einen schwarzen Hut auf!"

Sie ging um ihn herum und da – da war es wieder: dieses Murmeln. Sie sah Herrn Schmith ins Gesicht und ihr war, als ob er ihr zublinzelte! Und ja, jetzt, jetzt hörte sie es auch wieder: ntschldgnsbttbrdfhltnchws! Sie lauschte ganz angestrengt und diesmal glaubte sie, etwas zu verstehen: Entschuldigen Sie bitte, aber da fehlt noch was! Hm, was kann das denn nur sein? Und plötzlich sah sie es: Herr Schmith hat ja gar keinen Mund! Schnell sah sie nochmal in Mamas Kiste und ganz in der Ecke lagen sie: Kieselsteine! Sie nahm sie heraus und steckte sie wie einen lachenden Mund in den Kopf von Herrn Schmith. "Danke schön, junges Fräulein, sehr nett von Ihnen!" sagte eine freundliche Stimme. "Ohne Mund fühlt man sich sogar als Schneemann nicht komplett. Darf ich nach dem werten Namen fragen?" "Oh, ja, natürlich – ich bin Laura!" sagte Laura ganz entzückt. "Sehr schön, sehr schön, es freut mich außerordentlich, Dich kennenzulernen, Fräulein Laura! Ach, ist das Wetter nicht herrlich? Der perfekte Tag, um draußen im Schnee zu spielen!" "Das stimmt, sagte Laura. Aber wie kommt es, dass Sie sprechen und ich sie verstehen kann?" "Oh, sagte Herr Schmith, das ist ganz einfach erklärt: wir Schneemänner reden immer mit den Kindern, die uns bauen, aber leider leider gibt es immer weniger Kinder, die uns verstehen können. Aber immer dann, wenn die Sonne ganz besonders hell scheint, der Himmel blauer als blau ist und der Schnee glitzert wie Tausende Glitzersteine, immer dann können ganz besonders aufmerksame Kinder mit uns sprechen!"

"Donnerwetter, das ist ja toll!", sagte Laura. Donnerwetter, das hatte sie von Papa, der immer Donnerwetter sagte, wenn er ganz überrascht war. "Ja, nicht wahr? Aber Fräulein Laura, ich habe eine Bitte, jetzt, wo Du mich hören kannst." "Aber gerne, nur raus damit, bitte sprechen Sie!" "Nun, ich als Schneemann fühle mich sehr einsam so ganz alleine hier draußen. Ihr Kinder seid ja nicht immer da, seid in der Schule, bei Euren Freunden oder mit Eurer Familie im Haus. Ich wünsche mir so sehr eine Schneefrau an meiner Seite, jemanden, der mich versteht und mit mir einfach den Winter genießt: würdest Du mir bitte eine Schneefrau gleich hier neben mir bauen?" "Ja natürlich, sehr gerne! Hm, ich muss nur schnell ins Haus laufen und ein paar Dinge besorgen, in Ordnung?" "Aber ja, natürlich, lass Dir Zeit! Ach, ich freue mich ja so!"

Laura lachte, rannte schnell ins Haus und stürmte in die Küche, in der Mama gerade die Spülmaschine ausräumte. "Mama, ich brauche noch ein paar Sachen zum Schneemann, äh, Schneefrau bauen – darf ich sie mir im Haus suchen und mit hinausnehmen?" "Na ja, sagte Mama, wenn Du nicht meine ganze Küche durcheinanderbringst – was brauchst Du denn?" "Mal überlegen,..." sagte Laura. "Also, ein Nudelsieb, Knöpfe, eine Karotte und eine Schürze." "Das läßt sich machen", sagte Mama. Binnen 5 Minuten hatte Laura mit Mamas Hilfe alle Dinge zusammengesucht und lief wieder in den Garten. Schnell baute sie nun einen zweiten Schneemann bzw. Schneefrau, mit einem kleinen Unterschied: sie formte zusätzlich zwei kleinen Schneebälle und befestigte sie nebeneinander über dem Bauch ganz oben. Sie setzte das Nudelsieb auf den Kopf, nahm die Knöpfe für Augen und Mund, holte nochmals zwei kleine Äste und band zum Schluß Mamas Bastelschürze um Bauch und Hals der Schneefrau. Als sie fertig war, ging ein leichtes Schütteln durch Frau Schmith und eine leise, freundliche Stimme sagte "Oh – hallo – vielen Dank für Deine Hilfe – wie schön es hier ist!" Und Herr Schmith sagte ganz aufgeregt: "Vielen, vielen Dank, Fräulein Laura – Du hast mir eine große Freude gemacht, das werde ich Dir nie vergessen!" "Ach, das hab ich doch gerne gemacht!" meinte Laura ganz verlegen. "Darf ich vorstellen? Frau Schmith, das ist Herr Schmith, der Schneemann, und Herr Schmith, das Ich Frau Schmith, die Schneefrau. Sicher werden Sie sich gut verstehen. Und ich verspreche, dass ich ab sofort immer einen Schneemann und eine Schneefrau baue, damit Sie nie wieder einsam sind!" Laura schob schnell noch etwas Schnee zu einem Sitz zusammen und setzte sich darauf. Sie plauderten noch eine Weile, bevor Mama sie hineinrief, weil das Essen jetzt fertig war. Sie verabschiedete sich und Laura versprach, sie bald wieder zu besuchen.

Seit diesem Tag freut sich Laura auf jeden klaren, kalten Wintertag, an dem die Sonne ganz besonders hell scheint, der Himmel blauer als blau ist und der Schnee wie Tausende Glitzersteine glitzert...